Eclectic Engineering

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Das unendliche Gespräch

Das unendliche Gespräch

"Talking has nothing to do with creation" — das Sprechen hat mit dem Schaffen nichts zu tun — behauptet Gertrude Stein in ihrer Lecture "What Are Masterpieces And Why Are There So Few Of Them?" von 1936 ... ist das wirklich so? In dieser Folge nehme ich Steins Aussage zum Anlass, anhand von Erkenntnissen aus meiner eigenen künstlerischen und theoretischen Arbeit, eine Art Gegenthese zu formulieren.

Abschweifen

Felix Deiters und ich haben uns verabredet, um über das Abschweifen zu reden. Und schweifen immer wieder ab. Wir sprechen über Denkräume, das poröse Selbst, zittrig aufgetragenen Kajal und neurotische Quirks; aber auch über die Kunst des Vergessens und das Abschweifen als Abweichen von der Norm. Anhand von Paul B Preciados Text ‘Can The Monster Speak?', Jack Halberstams ‘The Queer Art of Failure’ und Kathryn Bond Stocktons ‘The Queer Child’ sprechen wir über geschichtete Erinnerungen, asignifikante Brüche, Assoziation vs. Dissoziation und die Romantisierung und Disziplinierung von Kindheit.

Der Verlust der Rückseite (ein Lament)

In dieser Folge tummelt sich so einiges: einseitige Kühe, janusköpfige Bilder, Dämonen ohne Rückseite und Meat Loaf im Dialog mit Hegel. Ich versuche mich an der Form des Laments — historisch ein wichtiges Werkzeug um der weiblichen Stimme öffentlich Gehör zu verschaffen — um den Verlust der Rückseite zu beklagen. Ausgehend von der trivialen Beobachtung, dass wir in digitalen Meeting Rooms nur noch unsere Vorderseiten zu Gesicht bekommen, überlege ich laut, was dieser perspektivische Wandel für Konsequenzen hat. Schnell stellt sich heraus, dass die Rückseite für mich nicht für den Zugriff steht, sondern für das Unergründliche.

Ins Offene sprechen

Mit dem Autor und Kunstliebhaber Thomas Schlereth suche ich nach Umgangsformen mit dem Unbestimmten – innerhalb und außerhalb des Begrifflichen. Wir sprechen über Texte, die gelesen, und Bilder, die gesehen werden wollen, über geliehene und letzte Worte, den Unterschied zwischen Definieren und Benennen, und immer wieder über das kleine Wort „und“. Nicht nur, sondern auch. Unsichtbare Gäste am Tisch sind Gilles Deleuze, Claire Parnet, Félix Guattari und Roland Barthes. Einen Moment lang lauschen wir alle dem Gesang einer vorbeiziehenden Sirene.

Erotik des Nichtverstehens

Mit der Philosophin Melanie Reichert spreche ich über den Bedeutungsentzug als erotische Erfahrung. Wie verhandelt das Subjekt der Moderne den Umstand, dass universelle Gewissheiten nicht mehr zu haben sind? Gibt es neben der Lust am Verstehen und der Form auch eine Jouissance des Nicht-Verstehens, die im Bruch aufscheint? Wir sprechen über Roland Barthes Entwicklung vom Ideologiekritiker zum Erotiker, Denken als tänzerische Bewegung, Ästhetik als Subversion und fragen uns ob die sinnliche Erfahrung eines Ausstellungsbesuchs nicht manchmal an der Garderobe beginnt.

Liebe

Mit dem Philosophen Martijn Buijs spreche ich über Liebe. Lange aus der Philosophie verschwunden, scheint sie seit einigen Jahren wieder Thema zu sein. Wir beginnen klassisch mit Platon, landen aber bald bei Alain Badious Auffassung von Liebe als Ereignis und überlegen wie dies mit seinen Strickpullovern zusammenhängen könnte. Außerdem sprechen wir über Liebe und das Neue, Liebe und Ethik, Liebe und Freundschaft und enden mit Heidegger, Auto-Erotik und einer Wortneuschöpfung.

Künstler*innenbegehren

In dieser Folge spreche ich — diesmal ohne Gast— über die Begehrensdynamik künstlerischer Produktion. Als Dreh-und Angelpunkt dient der Fund zweier auf den ersten Blick widersprüchlicher Aussagen im Werk von Jacques Lacan und Roland Barthes. Das künstlerische Schaffen, so meine These, wird bewegt von einem Künstler*innen-Begehren, das sich am Kunstwerk als produktiv erweist. Anschließend bespreche ich die Arbeit 'A Voyage of Growth and Discovery' (2010) von Mike Kelley und Michael Smith, um das Begehrensgeschehen auch auf der Darstellungsebene zu reflektieren.

Die Talmudische Denkweise

Mit der Autorin, Künstlerin und Ausstellungsmacherin Shulamit Bruckstein spreche ich über ihr langjähriges Anliegen, rabbinische Verfahren des Studiums und der Auslegung mit Mitteln der künstlerischen Forschung fortzusetzen. Gibt es eine talmudische Denkweise, wie 1908 von Karl Abraham in einem Brief an Sigmund Freud behauptet? In talmudischer Manier definieren wir nicht, sondern kreisen in unserem Gespräch und verknüpfen Gedanken. Wir sprechen über poröse Texte, Tische als Metaphern des Lernens, epistemische Architekturen, die Rhetorik der Unterbrechung, die Erotik des gemeinsamen Studiums und den Geschmack (!) des Talmuds.

Der Blick

Mit der Bild-und Literaturwissenschaftlerin Mareike Stoll spreche ich über Ästhetik und Politik des Blicks. Ausgehend von Mareikes Forschung zu Fotobüchern der Weimarer Republik diskutieren wir, inwieweit die Ambivalenz der Fotografie eine Alphabetisierung des Sehens verlangte und heute immer noch verlangt. Wir sprechen über Anti-Musen und den geschlechtlichen Blick, über das Zusammenspiel von Haptik und Optik, und fragen mit McKenzie Wark und Rachel Aumiller ob sich aus Spiel, Ästhetik und Erotik ein ethischer Raum jenseits binärer Aufspaltungen auftun lässt.

Porosität

Mit dem Kunst-und Medienschaffenden Enno Schramm spreche ich über Porosität als Metapher für Zustände der Durchlässigkeit. Wir beginnen mit der verbreiteten Assoziierung von Kreativität und Wahn und fragen, was Inspiration, Hypomanie, Rausch und Psychose verbindet bzw trennt. Enno erzählt von seiner Praxis des Open Dialogue, wir diskutieren Künstler- und Schaffensmythen und Erotik als eine Form der Weltbeziehung. Für einen sehr kurzen Moment erscheint Hegel auf dem Holodeck des Raumschiffs Enterprise.