Eclectic Engineering

Eclectic Engineering

Transkript

Zurück zur Episode

00:00:13: Diesen Sommer fuhr ich mit dem Nachtzug nach Schweden.

00:00:16: Ich hatte einen Platz im Liegewagen gebucht, in einem Zug der so alt war, dass man noch die Fenster aufmachen konnte.

00:00:23: Ich war lange nicht mit einem Nachtzug gefahren und ich war etwas aufgeregt und wahrscheinlich deswegen entsprechend über vorbereitet.

00:00:30: Obwohl ich alleine unterwegs war, hatte ich Essen für vier dabei – und gut fünfzig Stunden Audiumaterial!

00:00:36: Für immerhin vierzehn Stunden Fahrt von denen man ja einen guten Teil schläft.

00:00:43: Man sieht gleich, irgendwas an meiner Rechnung ging nicht auf.

00:00:47: Aber das mit dem Zählen, das ist so eine Sache.

00:00:49: Manchmal geht eine absurde Rechnung eben doch auf wenn man nur lange genug darüber nachdenkt.

00:00:57: Da lag ich also auf meiner Liege im Sechserabteil Mit Proviant für vier und auf einmal fiel mir eine frühere Reise wieder ein.

00:01:06: Ich war vor vielen Jahren schon mal allerdings mit dem Bus nach Schweden gefahren mit einer Jugendfreizeit.

00:01:13: Ich muss dreizehn Jahre alt gewesen sein Und eines von nur vier Mädchen in einer Gruppe ungefähr für unzwanzig Teenagern.

00:01:23: Auf dieser Reise habe ich das erste Mal einen Jungen geküsst, er hieß Conrad hatte schwarze lange Haare war schon fünfzehn und entsetzt dass ich nicht wusste wer Bob Marley war.

00:01:35: Conrad wollte anscheinend unbedingt jemanden küssen.

00:01:39: Er begann sich nämlich langsam durch die Vierer Kette der Mädchen vorzuarbeiten.

00:01:45: wie er dabei vorankam hab ich ehrlich gesagt vergessen.

00:01:48: woran ich mich allerdings ganz genau erinnere ist dass ich die dritte war bei der es versuchte Die dritte von vier, die vorletzte also.

00:01:58: Klingt nicht gerade sehr schmeicherhaft?

00:02:02: Ich hatte damit irgendwie kein Problem!

00:02:05: Ich war mit allem einverstanden – mit dem Kuss aber interessanterweise auch mit meiner Position in dieser Reihe.

00:02:11: Die Dritte von Vier ist doch gut.

00:02:16: Als ich mich jetzt durch meine Reisen nach Schweden wieder daran erinnerte dauert es einen Moment bis mir klar wurde dass das eine Position ist die ich sehr gut kenne Die Vorletzte in einer Reihe von Vieren, das ist mein Platz in der Geschwisterfolge.

00:02:31: Ich bin das Dritte von vier Kindern!

00:02:34: Dass mein dreizehnjähriges selbst sich nicht daran stört und nicht die erste Wahl zu sein, erkläre ich mir rückblickend damit dass ich dank meiner Geschwistersposition eine Gruppe von vieren nicht hierarchisch sondern seriell auffaße.

00:02:48: In einer Serie gibt es zwar eine Abfolge aber keine damit automatisch einhergehende Wertung Das erste Kind in der Reihe Das beste Kind oder die erste Wahl.

00:03:00: Genauso wenig wie das dritte Kind, dass jenige ist, den man zwei andere vorziehen würde.

00:03:05: Es ist einfach das nächste in der Reihe Was natürlich nicht heißt, dass es nicht Lieblingskinder- oder Gerange zwischen Geschwistern geben würde.

00:03:14: Aber und darum soll es heute gehen Qualitativ und strukturell funktionieren Geschwesterbeziehungen anders.

00:03:22: Und hier stoße ich erneut auf eine Unterscheidung, die ich in der letzten Episode im Bezug auf Peters Lötterdeig bereits herausgearbeitet habe Die Unterscheidung zwischen vertikal und horizontal.

00:03:32: Wenn die Eltern-Kindbeziehungen eine Vertikale Beziehung sind, ist die Geschwisterbeziehung horizontal ausgerichtet.

00:03:38: Und hier will ich etwas tiefer einsteigen.

00:03:41: Damit will ich einen Schritt weitergehen als einfach nur festzustellen dass Geschwisters Beziehungen uns stark prägen.

00:03:47: Mindestens genauso stark wenn nicht teilweise sogar stärker als Eltern-kind.

00:03:51: beziehungen.

00:03:54: Das das so ist.

00:03:55: diese Beobachtung findet man öfter mal zum Beispiel bei Klaus Tehweleit.

00:04:00: In seinem Buch Objektwahl stellt er fest, dass die Geschwisterposition zum Beispiel bei der Partnerwahl eine entscheidende Rolle spielt.

00:04:07: Über sich selbst schreibt er – Zitat Leute, die mich selbstverständlich als eine Art von Erwachsenen ansehen und entsprechend mit mir reden stammen meist aus einer ähnlichen Geschwisterposition.

00:04:41: Während diejenigen, denen ich aufhören, mich in der Straßenbahn oder an der Kaufhauskasse als junger Mann anzusprechen vermutlich in den erstgeborenen Riegen

00:04:49: gehören.".

00:04:57: Ein größeren Einfluss auf die Objektwahl hat als das ÖD-Palett Rayek, also die Muttervater-Kind-Konstellation.

00:05:10: Jüngere Geschwister gehören für ihn einer anderen Psychoklasse an als erstgeborene und Teveleit glaubt dass die Objektwahl sich unbewusst nach der Psychoklassenlage der Andern ausrichtet.

00:05:22: Die Gründe dafür sei nicht schwer zu sehen.

00:05:24: Zitat Geht man davon aus, dass Eltern an ihren Kindern immer auch Konflikte der eigenen Kindheit beleben?

00:05:33: An einem ersten Kind etwa den Konflikt mit dem eigenen Vater, an einem anderen die Beziehung zur Mutter und so weiter.

00:05:40: Dann wird deutlich dass Erstgeborene ganz andere Erfahrungen mit ihren Eltern machen können als Letztgeborener einer Reihe.

00:05:48: Es ist nicht übertrieben zu sagen sie wachsen in einem anderen psychischen Universum.

00:05:52: auf Zitat Ende Beweisen sagt er könne er das mit der Psychoklasse nicht weshalb er eine Metapher bemüht Den psychischen Geruch was mir übrigens ziemlich gut gefällt.

00:06:07: Man kann ja tatsächlich manche Menschen unmittelbar gut riechen, man freundet sich an und erst über die Zeit fallen einem Ähnlichkeiten in der Biografie auf von denen man eigentlich nichts hätte wissen können.

00:06:19: Aber ich habe zwei Einwände.

00:06:22: Erstens kann man in der Psychoanalyse zwar tatsächlich nicht beweisen aber man kann natürlich trotzdem Theoriearbeit betreiben zum Beispiel indem man alternative Begriffe einführt und neue Achsen zieht was mich schon zu meinem zweiten Einwand bringt.

00:06:39: Die Idee der Objektwahl nach Psychoklasse ist zwar im ersten Moment einleuchtend, aber sie geht mir theoretisch nicht weit genug.

00:06:47: Denn Sie bleibt in Tevileits Begründung ein Begriff der Vertikale.

00:06:52: Hat er doch gerade noch die Geschwisterreihe gegenüber dem ÖDPALen-Dreieck starkgemacht, ordnete er sie im nächsten Schritt doch wieder der Elternkindbeziehung unter?

00:07:03: Erstgeborene schreibt er machen andere Erfahrungen mit ihren Eltern und fühlen sich entsprechend zu anderen hingezogen die ähnliche Erfahrung gemacht haben!

00:07:13: Hier werden schon wieder Ränge verteilt.

00:07:15: Erstgeborene sind Anführer und Nesthäkchen sind die nie erwachsen gewordenen, und gleich und gleich gesellt sich gern.

00:07:24: Diesen Reflex will ich gerne widerstehen – denn so einfach ist es dann auch nicht!

00:07:29: Dazu gibt es zu viele komplexe Beziehungskonstellationen in denen zwar Abfolgen eine Rolle spielen, die sich aber nicht auf simple Rangensprechungen reduzieren lassen….

00:07:40: Aber zu Tevillei's Verteidigung sei gesagt, dass die klassische psychoanalytische Theorie nun mal insgesamt vertikal voreingenommen ist.

00:07:48: Letztlich werden alle Beziehungen in das ödipale Dreieck der Mutter-Vater-Kindbeziehung eingepflegt.

00:07:54: Was Geschwister als eigenständige laterale Beziehungsform angeht gibt es hier einen riesigen blinden Fleck – zumindest in der Theorie!

00:08:03: Die Klinik ist so weit ich das mitbekomme sehr viel schlauer.

00:08:07: In der Theorie aber sind Schwestern zu allererst Töchter und Brüder Söhne.

00:08:13: Das kann doch nicht sein, dachte ich nach meiner Geschwisterepiphanie – da muss es doch was geben!

00:08:20: Ich begann zu recherchieren und schließ auf Juliet Mitchell eine britische Psychoanalytikerin die sich genau diese Frage stellte.

00:08:27: Wo sind denn die Geschwisters in der psychoanalytischen Theorie?

00:08:31: Freud, Lacan, Klein, Winnicott…In deren Fallgeschichten tauchen Geschwester zwar immer wieder auf Aber in der Analyse der Fälle wird dann doch wieder alles auf Mama, Papa und Kind zurückgebogen.

00:08:45: Mitchell macht sich also daran selbst zu konstruieren was hier fehlt.

00:08:49: Sie versteht ihre Arbeit dabei ganz klar als Erweiterung nicht als radikalen Umsturz Und teilweise als Bergung Denn eigentlich ist alle schon da nur gut verdrängt.

00:09:02: Wie gesagt in den Fallgeschichten tauchen die Geschwister auf aber irgendwie führen alle Deutungen denn doch letztlich wieder zur Ödipuss.

00:09:11: Ödipus, dieser tragische Typ aus der griechischen Mythologie.

00:09:15: Der ohne es zu wissen also unbewusst seinen eigenen Vater tötet und seine Mutter zur Frau nimmt.

00:09:22: Der ödipuss-Mythos dient Freud ja bekanntlich dazu jene Phase der psychosexuellen Entwicklung zu beschreiben in der das Kind die Generationen grenzen und dass Inzis verbot und somit das Gesetz anerkennen lernt.

00:09:36: Ich leiere das hier so runter weil ich niemanden langweilen will Das ist alles bekannt Tausendmal gehört.

00:09:42: Unser Oedipus haben wir

00:09:43: drauf.".

00:09:45: Ähm, dann müsste ja auch folgende Frage leicht zu beantworten sein.

00:09:50: Hatte Ödipuss eigentlich eine Schwester?

00:09:55: In ihrem zwei-tausend drei erschienenen Buch Siblings erzählt Mitchell das wann immer sie Freunden, Kollegen oder Bekannten diese Frage stellt – Sie auf Ärger stößt!

00:10:05: Weil nämlich erstaunlicherweise viele Schwierigkeiten haben die Frage zu beantworten und dass obwohl sie mit dem Stoff vertraut sind….

00:10:14: Ich hätte die Frage auch nicht gleich beantworten können, oder?

00:10:19: Vielleicht wäre ich irgendwann drauf gekommen.

00:10:21: Ja, Ölipus hatte eine Schwester.

00:10:23: Er hatte sogar zwei – Ismine und Antigonee.

00:10:28: Moment!

00:10:29: Aber waren das nicht seine Töchter?

00:10:32: Ja genau, nur dass seine Frau wie erinnern uns ja gleichzeitig seine Mutter war.

00:10:38: Ah, es braucht einen langen Moment bis der Groschen fällt….

00:10:43: Alle kennen Oedipus, aber sogar die Psychoanalytikerinnen unter Mitchell's Freunden erkennen am Mythos nur den Eltern-Kind-Inzest.

00:10:52: Was die lateralen Konsequenzen angeht haben sie einen blinden Fleck.

00:10:57: Das ist doch auffällig findet Mitchell.

00:10:59: Zitat.

00:11:22: Die Bedeutung von Geschwistern wurde in der psychoanalytischen Theorie regelrecht verdrängt.

00:11:28: Dabei spielen sie in der psychischen Entwicklung eine riesige Rolle, und zwar auch dann wenn man keine Geschwester hat.

00:11:35: Diesen Gedankengeschritt muss mal mitgehen!

00:11:38: Denn was Mitchell im Folgenden ausarbeitet, ist eine universelle Erfahrung.

00:11:42: Die zur psychischen Entwicklung dazugehört und zwar unabhängig davon ob tatsächlich noch ein Geschwisterkind auftaucht oder ob man nur damit rechnet dass es auftauchen könnte.

00:11:55: Diese universelle Erfahrungen nennt Mitchell das Geschwisters Trauma.

00:12:00: Jedes Kind im Alter von circa zwei Jahren macht die traumatische Erfahrung Das er sein Status in der Familie verliert und damit seinen Platz in der Welt Entweder, weil ein Geschwisterkind auf die Welt kommt und diesen Platz einnimmt.

00:12:15: Oder, wenn es erwartet wird – und ausbleibt!

00:12:21: Wie gesagt den Schritt muss man mitgehen aber das muss man bei Oedipus ja auch.

00:12:26: Auch Kinder, die ohne Mutter oder ohne Vater aufwachsen oder mit zwei Müttern oder zwei Vätern müssen in Ödipuss-Konflikt bewältigen.

00:12:36: Überhaupt hilft es sich das Geschwisters Trauma als Äquivalent zum Ödepusskonflikt zu veranschaulichen Denn hier tut sich das Koordinatensystem aus vertikaler und horizontaler Achse auf, um dass es Mitchell geht.

00:12:51: Die Vertikale kennt die Psychoanalyse bereits – die Horizontale fügt Mitchell hinzu!

00:12:59: Auf der Vertikalen sind die Elternbeziehung und Ödipusskonflikt eingetragen.

00:13:04: Hier gibt es Mann und Frau und damit eine binäre Sexualität als Voraussetzung der Reproduktion.

00:13:11: Auf der Horizontal trägt Mitchell nun die Geschwisterbeziehungen ein.

00:13:16: Auch hier gibt es Sexualität, aber eine Sexualität die nicht wie näher und nicht reproduktiv ist.

00:13:22: Das heißt, hier sind auch Homosexualität und Transsexualität verortet.

00:13:28: Auf die Sexualität komme ich noch mal zurück – doch zunächst möchte ich noch etwas näher auf das Geschwistertrauma eingehen!

00:13:35: Was ist denn so schlimm daran wenn ein Geschwester Kind nachrückt?

00:13:39: Geht es um Neid, Eifersucht, Konkurrenz?

00:13:44: Viel schlimmer Es geht um Leben und Tod.

00:13:49: Das Kind, das bis dahin das Baby der Familie war, verliert auf einmal seinen Status.

00:13:55: Von Zwillingen mal abgesehen gibt es ja immer nur ein Baby in der Familie und auf einmal ist der Platz den es nur einmal gibt und er eben noch der eigene War von jemand anderem besetzt.

00:14:07: Da das Kind aber noch keinen psychischen Raum mit mehreren Plätzen entwickelt hat wird es nicht einfach verdrängt oder zur Seite gestoßen sondern überschrieben ausgelöscht.

00:14:19: Dass das einen Unterschied ist ob man jetzt verdrängert oder überschieben wird Das durfte ich neulich noch einmal am eigenen Leib nachempfinden.

00:14:26: Wieder auf einer Zugfahrt!

00:14:28: Dieses Mal war irgendwas schiefgegangen, Aufgrund eines technischen Fehlers hatte die Bahn einzelne Sitzplatzreservierung doppelt vergeben.

00:14:36: Ein anderer Fahrgast hatte also eine Reservierung für den selben Sitz Platzweg Und da seine angezeigt war und ich auch irgendwie nicht so kleinlich sein wollte beschloss sich dem Platz zu rollen Was eigentlich überhaupt kein Problem war.

00:14:52: Es waren genug Plätze frei, es war sogar der Platz genau daneben frei.

00:14:57: Und trotzdem schrie irgendwas in mir im ersten Moment entrüstet und kindlich verletzt auf – wie das Echo einer früheren Erfahrung!

00:15:06: Ich finde, dass illustriert ganz gut was Mitchell meint.

00:15:10: Beim Geschwistertrauma geht es zunächst noch nicht einmal um Verdrängung also darum einen Platz weiter zurück, sondern um Auslöschung.

00:15:19: Es gibt nur den einen Platz….

00:15:21: In Mitchells Worten Im nächsten Moment, wenn ich dann auf den Platz nebenan gerückt bin, führe ich mit meinem Sitznachband vielleicht sogar ein total nettes Gespräch.

00:15:47: Aber das ist eben der nächste Schritt.

00:15:50: Doch dazu Und das ist Midgetspunkt, dazu brauchte es eine ursprüngliche traumatische Erfahrung.

00:15:58: Als soziale Wesen müssen wir die Erfahrungen gemacht haben wie es ist wenn jemand anderes unseren Platz einnimmt.

00:16:05: Erst dadurch kann überhaupt eine psychische Struktur gebildet werden in der ein anderer vorkommen kann.

00:16:11: Zitat And the dread and shock will turn into hate-and love, rivalry in

00:16:27: friendship.".

00:16:33: Das Geschwistertrauma ist die Voraussetzung für alle späteren sozialen Beziehungen.

00:16:38: Wir können Beziehung zu Freunden, Feinden, Kollegen und Bekannten haben weil wir diese Erfahrung gemacht haben Denn erst durch diese Erfahrung lernen wir dass wir gleichzeitig einzigartig und austauschbar sind.

00:16:53: Wir lernen den Unterschied zwischen sameness und difference kennen, schreibt Mitsche.

00:16:58: Und zwar im eigenen Leib.

00:17:03: Das Deutsche ist hier sogar etwas präziser als das Englische Denn der Unterschied um den es hier letztlich geht Ist der zwischen demselben und demgleichen Das Gleiche.

00:17:14: Also dass mir jemand gleicht bedeutet nicht Dass wir dieselbe Person sind.

00:17:18: Wir sind gleich und anders same but different.

00:17:23: Ein anderer, das ist jemand der ist wie ich.

00:17:26: Aber nicht ich isst!

00:17:28: Das Problem ist also erst mal nicht dass der andere anders ist sondern er gleich ist.

00:17:35: Darin sieht Mitchell auch die Wurze für viele spätere Konflikte.

00:17:39: Zitat Hatred ist für jemanden, der das gleiche ist.

00:17:51: Er generiert dann eine Kategorie von anderen als eine Protektion.

00:18:04: Der displaced hat insofern kein Platz zu gehen.

00:18:08: Sie oder er will sein, wer sie noch sind – die Babys.

00:18:12: Die neue Babys müssen aufhören.

00:18:15: Wenn es nicht vernünft wird, muss man einen anderen Ort belegen.

00:18:26: Das Zitat beschreibt sehr schön, wie der andere als Konzept nicht schon da ist sondern erst konstruiert werden muss.

00:18:33: Wenn wir von psychischen Räumen ausgehen dann heißt den anderen an seinen Platz verweisen dass wir überhaupt erst einen Platz erschaffen müssen an den er gehen könnte.

00:18:43: ein Begriff vom Anderen entwickeln bedeutet ihm geistig Platz einzuräumen.

00:18:49: Da es hier um Leben und Tod geht ist das für Mitchell sogar der Beginn des philosophischen Denkens.

00:18:55: Sein oder nicht sein wird zuallererst als Todesdrogen am eigenen Leib erfahren, bevor es in ein Problem übersetzt wird das man gedanklich bearbeiten kann.

00:19:07: Wir erfahren also mit dem Geschwisterkind eine Art Auslöschung.

00:19:11: Jemand sitzt auf unserem Platz.

00:19:13: und nun?

00:19:16: An dieser Stelle führt Mitchell einen neuen Begriff ein – Das Gesetz der Mutter.

00:19:21: Mit dieser Bezeichnung spielt sie auf Lacan's Gesetz des Vaters an.

00:19:26: Damit ist bei Lacan kein Gesetz gemeint dass der Vater erlässt sondern das Gesetz als Ordnung der Signifikanten, dass Gesetz als Sprache.

00:19:36: Das Gesetz kommt erst über das Inzestsverbot ins Spiel – denn das Verbot ist eine sprachliche Setzung!

00:19:43: Es untersagt den Inzest in dem es das Kind in das Verwandtschaftssystem einsetzt.

00:19:47: Ihm zugleich seinen Platz zuweist und ein Nein ausspricht.

00:19:52: Benennen und verbieten sind hier das Gleiche.

00:19:57: Lacan zieht beide Funktionen, das Benennen in der Sprache In dem Wortspiel L'enon duper zusammen.

00:20:07: L'Enon, der Name klingt gleich wie l'enot das Nein.

00:20:13: Der Name des Vaters ist das Nein des Vates.

00:20:18: Mitchell stört dass die symbolische Ordnung damit der Vater Instanz unterstellt wird.

00:20:24: Die Mutter wird damit in den prä- symbolischen Bereich verdrängt.

00:20:28: Sie ist quasi allmächtig aber nur bis das Kind sprechen lernt!

00:20:36: Alle Versuche in der Theorie, die Mutter gegenüber dem Vater einfach zu stärken.

00:20:41: Soaller aber die Mutter ist dafür in den ersten Jahren doch total prägend verschlimmern ihrer Ansicht nach das Problemen.

00:20:48: Selbst die feministische Lacan Rezeption tabt ihrer Meinung nach in diese Falle Ja super!

00:20:54: Die Mutter bekommt dann ihren eigenen proto-sprachlichen Bereich Aber nach dem Eintritt in die symbolische Ordnung ist sie abgemeldet.

00:21:02: Das kann nicht sein Zitat.

00:21:06: Da ist, ich würde sagen, eine andere Mutter.

00:21:09: Eine Mutter, die aus der Foto geschaut wurde, eine Mutter, der ein Subjekt ist und whose Law betrifft zu den Erkrankungen ihrer Kinder.

00:21:18: Es ist eine Law, das serialitätlich zwischen ihren Kindern introduziert wird – wer kann später aufhören?

00:21:26: Wer hat welchen Stück Kek?

00:21:28: Eine Law erlaubt einen Raum für einen, der gleiche und anders ist.

00:21:37: Diese Mutter operiert gleichzeitig auf der Vertikalen, indem sie den Unterschied zwischen sich und den Kindern klarstellt.

00:21:43: Und auf der Horizontalen.

00:21:45: Indem Sie Ihre Kinder – obwohl Sie alle gleichermaßen Ihre Kinder sind – voneinander unterscheidet und damit die Differenz in die Gleichheit einführt.

00:21:55: Das ist die Voraussetzung dafür dass die Kinder sich aufeinander zu beziehen beginnen.

00:21:59: Und zwar lateral!

00:22:03: Diese Mutter ist keine symbolische Mutter, in dem Sinne wie Lacan's Vater ein symbolischerist.

00:22:09: Lacan unterscheidet nämlich zwischen imaginären, symbolischen und realen Vater.

00:22:14: Und der Vater als Gesetz – also der symbolische Vater ist sicher kein Subjekt oder entscheidet wer welches Stück Kuchen bekommt.

00:22:22: Einer streng lakanianischen Kritik hielt in Mitchells Gesetz der Mutter also nicht Stand, denn sie vermischt die Register.

00:22:30: Aber das ist glaube ich auch nicht Mitchells Anliegen.

00:22:33: Sie überlässt Lacan einfach nicht das Feld sondern konzipiert eine Mutter, die am Eintritt ins symbolische Teil hat Nicht als signifikant wie Lacan's Vater, sondern indem sie eine genuene symbolische Operation vollzieht.

00:22:48: Das Einführen von Differenz in die Gleichheit und damit der

00:22:51: Serialität.".

00:22:53: Zitat Wenn ich einen Sitz zur Seite rücke, weil im Zugabteil genug Platz ist.

00:23:27: Dann heißt das dass sich das Geschwistertrauma einigermaßen erfolgreich verarbeitet habe und gelernt habe was der Realität ist.

00:23:35: Das sollte nicht verkitscht werden.

00:23:38: Auf der Horizontale herrscht nicht einfach Friede und Freude, und um den letzten Eierkuchen wird teils erbittert gekämpft.

00:23:43: Das Gesetz der Mutter ist kein Verteilungsgesetz – aber mit dem Prinzip der Serialität schafft es die Grundlage zum Beispiel für Verteidungsgesetze.

00:23:56: Für uns bedeutet das zu lernen dass der andere uns was wegnehmen kann… Aber auch, dass man mit ihm teilen kann!

00:24:04: Meine eingangs erzählte Anekdote, dass ich Essen für vier dabei hatte, ist vielleicht ausser genau dieser Armee Valenz?

00:24:12: Wer mit drei Geschwistern aufwächst, weiß was futternheit ist.

00:24:15: Ich habe eigentlich immer Angst zu wenig Essen dabei zu haben.

00:24:18: also packe ich für vier.

00:24:19: Man kann das ganze aber auch anders rumlesen!

00:24:23: Ich packe für eins zwei drei vier weil Eins Zwei Drei Vier versorgt werden müssen und essen wird nun mal geteilt.

00:24:34: Ich denke es ist wirklich beides denn das soziale ist auch immer beides Liebe und Rivalität.

00:24:42: Das Gesetz der Mutter führt also in die Serialität ein und zwar auf den Horizontalen.

00:24:48: Letzteres ist wichtig, denn das Prinzip der Serie ist der Psychoanalysel erst mal nicht fremd.

00:24:53: Im Gegenteil – Die Theorie des Begehrens ist durch- und durchseriell!

00:24:58: Das verlorene Objekt, das nie besessen war und sich erst nachträglich als Verlorenes konstituiert stößt eine Kette von Ersatzbildungen an.

00:25:06: Jede trägt die Spur des Objekts und verfehlt es notwendig Und dieses Verfehlen hält die Reihe in Gang.

00:25:13: Auf der Achse des Objekts zählt die Psychoanalyse also ohne Ende, nur ist das eben eine Serie von Objekten – auf der Ebene der Beziehungen zählt sie dagegen nur bis drei!

00:25:25: Ihre Grundszene ist die der Triangulierung.

00:25:28: Der Vater tritt als Tritter in den Mutter-Kinddiade und löst sie auf.

00:25:33: Doch selbst wo die Psychioanalyse vertikal weiterzählt kommt sie über die Dreien nicht hinaus.

00:25:39: Die Generationenfolge wiederholt zunächst mit Großvater, Vater, Sohn und dann wieder mit Mama, Papa, Kind immer nur das Dreieck.

00:25:48: Mitchell's Pointe ist dass die erste in Fragestellung der Einzigartigkeit gar nicht vom Vater kommt sondern von der Seite Und früher Nicht durch den Vater der Triangulierentordnung stiftet Sondern durch das Geschwister das an meinem Platz erscheint.

00:26:06: Für Mitchell ist das kein Nachtrag zu Oedipus Sondern das primäre Trauma das ihm voraus liegt Eine laterale Szene als Sprung in die Serialität der Subjekte.

00:26:18: Die Einzigartigkeit fällt nicht mit der Drei, sondern durch das Plus-Eins des nächsten Kindes, dass die Reihe fortsetzt.

00:26:25: Symbolisch vollzogen wird all das durch das Gesetz der Mutter – das erstmals Differenz in die Gleichheit einführt.

00:26:35: Im Jahr zwanzig dreiundzwanzig, zwanzich Jahre nach Siblings veröffentlicht Mitchell das Buch Frederick Key.

00:26:42: Am Untertitel The Sibling Trauma and the Law of the Mother kann man bereits ablesen, dass sie ihre Thesen hier weiterentwickelt.

00:26:51: In diesem Buch hat das Gesetz der Mutter etwas härtere Züge angenommen.

00:26:55: Hier wird kein Kuchen mehr verteilt sondern mit Verbandung gedroht.

00:27:00: Das Kleinkind, das dem neuen Baby gegenüber aggressive Gefühle entwickelt weil sein Platz eingenommen wurde spürt, dass es mit dem Ausagieren seiner Mordfantasien auch die Zuwendungen der Mutter verlieren würde.

00:27:14: um im Bild von eben zu bleiben Ich habe zwei Möglichkeiten.

00:27:17: Entweder ich suche mir einen anderen Platz im Abteil oder ich muss den Zug ganz verlassen.

00:27:22: Bei der Wahl meines neuen Platzes hab' ich allerdings gewisse Freiheiten, setz' ich mich lieber ans Fenster oder an den Gang... ...oder lieber ein Kaffee im Speisewagen?

00:27:33: Verglichen mit dem Baby hat auch das Kleinkind schon etwas mehr Handlungsspielraum!

00:27:38: Aber es ist eben doch noch sehr abhängig – selbst versorben kann es sich nicht….

00:27:44: Mitchell meint, dass man beobachten kann wie sich hier die Grundzüge des sozialen Gefügels organisieren.

00:27:49: Das Kleinkind muss lernen Abhängigkeit und Unabhängigkeit zu verhandeln.

00:27:54: It has to be both a dependent individual in the vertical family and an independent social light on the horizontal axis, schreibt Mitchell.

00:28:07: Als Erwachsene finden wir allerlei Wege dieses Drama wieder aufzuführen.

00:28:12: Jedes etwas bessere Hotel lässt sich viel Geld dafür bezahlen das es seine Gäste infantilisiert.

00:28:18: Von der Mini-Bar, die an den Kaufladen im Kinderzimmer erinnert und sich magisch von selber wieder füllt.

00:28:23: Bis zum Betthupvoll auf dem frisch aufgeschüttelten Kopfkissen wird hier eine bedingungslose Fürsorge inszeniert, die es natürlich eigentlich nicht mehr gibt.

00:28:32: Ich nutze gezielt das Hotel als Bild weil das Elternhaus als Schauplatz des Dramas hier so schön nachgestellt ist.

00:28:39: Aber für inszenierte Sonderbehandlung im Allgemeinen gilt dass eine Sache vermieden wird Die Schlange Den Zimmerservice zu bestellen, bedeutet nicht am Buffet anstehen zu müssen.

00:28:52: Wer mit der ersten Klasse fliegt kann direkt zum Schalter laufen.

00:28:56: Auf der Gästeliste zu stehen erlaubt es einem die Schlange zu skippen.

00:29:01: und was ist die Schlangen anderes als die Reinszenierung der Serie?

00:29:08: Inszenierungen sind nicht einfach lächerliche Aufführungen sondern Lösungen für grundlegende dramatische Erfahrungen.

00:29:15: das heißt auch dass sie ambivalent sind Denn auch das Anstehen wird ja kulturell durchaus mit Genuss zelebriert.

00:29:23: Vom Restaurant oder Club auf der Wartelisse für ein Konzertticket, vor dem Apple Store wenn es neue Iphone rauskommt... Auf eine perverse weiße sogar am Flughafen denn nirgends kann man so gut auf die Schlange schimpfen wie in der Schlange.

00:29:38: Womit hier überall gespielt wird ist dass sich einzureihen auch etwas unheimlich beruhigendes haben kann!

00:29:44: Man wartet bis man dran isst – wie alle anderen.

00:29:48: Beide Inszenierungen wiederholen also dasselbe Trauma, um es von der entgegengesetzten Seite zu lösen.

00:29:55: Das Hotel inszeniert die Ausnahme – die Rückkehr in die ungeteilte Sonderstellung.

00:30:00: Das Anstehen inszenert die Annahme der Serie, die Erleichterung einer unter anderem zu sein.

00:30:07: Man ist a dependent individual in the vertical, das Mutters besonderes Kind bleiben willm und der independent socialite on the horizontal, Auch hier ist Mitchell sehr lucide, finde ich.

00:30:22: Denn sein Platz in einer Serie einzunehmen deutet sie als eine Art Wiederauferstimmung.

00:30:28: Wenn das Geschwistertrauma eine Auslöschung ist dann ist die Akzeptanz der Serie eine Rekreation des selbst als einer unter anderem.

00:30:38: Nicht einzigartig zu sein ist folglich nicht nur eine existenzielle Kränkung sondern eine immense Erleichterung.

00:30:45: Ich bin nichts Besonderes, ich bin ganz normal.

00:30:49: Ich muss mich anstellen wie jeder andere auch.

00:30:53: Nur eines mögen wir gar nicht und das ist die letzte in der Schlange zu sein.

00:31:00: Dann hört die Schlange nämlich auf eine Serie zu sein.

00:31:02: Denn die Serie ist nicht allein dadurch bestimmt dass wir uns einreihen Sondern ganz wesentlich dadurch Dass sie weitergeht Das da noch was kommt oder kommen könnte.

00:31:16: Hier laufen vertikale Sukzession, horizontale Abfolge und die Serialität des Begehrens zusammen.

00:31:23: Denn das da noch was kommt ist, was alles zusammenhält!

00:31:28: Ich muss nochmal betonen dass horizontal und vertikal bei Mitchell nicht zu trenn sind.

00:31:32: Nehmt man eine Achse aus dem Koordinatensystem dann fällt alles in sich zusammen.

00:31:38: Das lässt sich ganz gut an den Film Children of Man zeigen Den ich neulich zum zwanzigjährigen Jubiläum noch mal im Kino gesehen habe.

00:31:48: Die Notwendigkeit für Spoiler Alerts verjährt übrigens auch nach zwei Jahrzehnten, just saying.

00:31:55: Der Film spielt im Jahr twenty-sevenundzwanzig und durch nicht geklärte Umstände ist die Menschheit unfruchtbar geworden.

00:32:02: Es werden weltweit keine Kinder mehr geboren Und mit den Kindern ist auch die Hoffnung verschwunden.

00:32:07: Überall herrscht Krieg, Depressionen und Verzweiflung Weltweit als Baby Diego bekannt, ist gerade mit achtzehn Jahren in einer Bar erstochen worden weil er sich weigerte ein Autogramm zu geben.

00:32:20: Der Film beginnt mit diesen News die über die Bildschirme eines Coffee Shops in London laufen und in den ersten Minuten des Films sieht man im Hintergrund immer wieder Trauhande die an öffentlichen Plätzen Blumen ablegen.

00:32:33: Das Baby Diego ausgerechnet mit acht zehn Jahren stirbt macht gleich zu Beginn des Filmes unmissverständlich klar um was es hier geht.

00:32:41: Es kommen nicht nur keine Kinder mehr nach Auch die Jugend des Tod.

00:32:46: Von nun an leben wir in einer Welt der Erwachsenen.

00:32:50: Mit dem Ende der Generationenfolge versiegt auch jeder Zukunftsbezug.

00:32:56: Damit ist nicht nur die Jugend tot, sondern auch die Kunst.

00:33:00: Im Film gibt es eine Ark of the Arts Eine Initiative der Regierung berühmte Kunstwerke aus den Kriegsgebieten zu retten und auf britischen Boden insicherheit zu bringen.

00:33:11: Der verantwortliche Minister hat seinen Sitz in der Battersea Power Station, führt den Gast an Michel-Antelos David vorbei und ist vor Picasso's Guernica zu Abend.

00:33:21: Aber für wen das alles?

00:33:24: Wofür Kunst retten die in Zukunft niemand sehen

00:33:26: kann?!

00:33:28: I just don't think about it!

00:33:29: gibt der Minister zu.

00:33:31: Man sieht – Die Arche is also eigentlich ein Grab.

00:33:37: Ich beziehe mich auf diese beiden Szenen, die eigentlich am Rande der Erzählung vorkommen und nicht auf die Haupthandlung.

00:33:43: Weil sie für mich die beiden Seiten ein- und derselben Vertikalbewegung darstellen, die im Film in die Krise gerät.

00:33:49: Reproduktion & Produktion Auf die Zukunft bezieht man sich indem man Kinder in die Welt setzt oder einen Werk hinterlässt.

00:33:58: Gibt es keine Kinder mehr stirbt auch die Jugend – und mit der Jugend die Kunst.

00:34:04: Wenn alle großen Werke in der Vergangenheit liegen dann ist die Menschheit wohl am Ende.

00:34:11: Das Vertikal-Drama, als das man den Film Chilton of Mendeuten kann besteht also darin dass mit der Jugend auch das Schöpferische selbst stirbt.

00:34:19: Und es wäre leicht diese Botschaft aus dem Film mitzunehmen aber irgendwas daran behakt mir nicht.

00:34:25: Bei dieser Erzählung geht nämlich etwas verloren Dass man zugegeben schwer fassen kann das aber sowohl fürs Kinder kriegen als auch fürs Kunstmachen entscheidend ist.

00:34:37: Ich spreche von einem Antrieb der nichts will außer sich selbst und in diesem Sinne weder produktiv noch reproduktiv ist, sondern unproduktiv.

00:34:45: Man kann das begehren nennen oder trieb – auch Kraft meinetwegen!

00:34:52: Für Alexander Garcia Dittmann ist es die Idee der Jugend selbst.

00:34:57: In seinem twenty-einzwanzig erschienenen Buch Lob der Jugend erklärt Dittman dass diese nicht erst tot ist wenn keine Jugendlichen mehr nachrücken sowie in Children of Men, sondern wenn die Jugend ein Pakt mit den Erwachsenen eingeht.

00:35:11: Zitat Jugend ist ihrer Natur nach unschöpferisch.

00:35:17: Sie zeugt und erzeugt nichts.

00:35:19: Ihre Sorge ist nicht die der Selbsterhaltung, ihre Leidenschaft ist nicht eine Erneuerung oder Erfindung von Neuem.

00:35:27: Sie ergreift den Rhythmus des Geistes und die Wollos des Körpers ohne den Rhythmus in einer Aussage verschwinden zu lassen – Die Wollost im produktiven Lebensplan.

00:35:44: Dann sterben mit der Jugend paradoxerweise nicht einfach Produktion und Reproduktion, weil nichts mehr nachkommt.

00:35:50: Sondern vor allem das Unproduktive!

00:35:53: Man sieht also dass Dütmann den Begriff der Jugend nicht demografisch begründet.

00:35:57: Jugend ist keine bestimmte Altersgruppe sondern eine seltsame Kraft die einen erfasst... ...und genauso schnell wieder fallen lassen kann.

00:36:06: Mit dieser Kraft kann man nicht rechnen.

00:36:09: Die Jugend ist deshalb nicht umsichtig oder vorsichtig sie ist kopflos und unnachgiebig Und vor allem denkt sie nicht an das Ende.

00:36:18: Baby Diego stürbt nicht als Held, sondern bei einer Messerstecherei in einer Bar.

00:36:24: Denn was macht man als Achtzehnjähriger nun mal?

00:36:27: Man betrinkt sich und zieht durch die Gegend.

00:36:30: Warum?

00:36:31: Darum!

00:36:33: Maximal unproduktiv.

00:36:35: He was a wanker, sagt die Hauptfigur über Baby Diego – und trotzdem weint die ganze Welt.

00:36:43: dann gibt es keine Unproduktivität mehr, sondern nur noch fehlende Kinder und vergangene Kunst.

00:36:49: Was mit Baby Diego gestorben ist, ist das Element, dass sich der Vertikalen entzieht – die Kraft und der Antrieb des Unschöpferischen!

00:36:58: Noch mal, Dietman?

00:37:00: Während die Produktivität oder das Schöpfertum einmaliges zeugt und erzeugt ein einmaliges geniales Werk oder ein einmaliges singuläres Individuum, In die Literaturgeschichte oder die Kunstgeschichte, oder die Musikgeschichte gebiert die Unproduktivität sich selber doppelt und endlos wie ein Phantom.

00:37:23: Zitatende.

00:37:26: Jailton of Man ist eine Diszipli der Vertikale weil hier mit der Reproduktion auch die Produktion versiegt.

00:37:32: keine Kinder, keine Nachfolge, keine Kunst aber es ist auch eine Diszupie der Horizontale.

00:37:39: das macht den Film so großartig.

00:37:42: horizontal gelesen ist Baby Diego eine tragische Figur weil er dazu verdammt ist, immer ein Baby zu bleiben.

00:37:49: Er ist der Letzte in der Reihe – niemand macht ihm seinen Platz streitig!

00:37:53: Aber man muss das noch absoluter formulieren — es ist unmöglich geworden dass ihm jemand seinen Platz straitig machen könnte.

00:38:01: Auch wenn Baby Diego in einer anderen Welt Einzelkind geblieben wäre, hätten ihn die nicht eingetroffenen Geschwister dennoch als Abwesende begleitet.

00:38:11: Laut Mitchell ist das universelle Geschwissertrauma eventuell sogar für Einzelkinder schwerer zu bewältigen Weil diejenigen, die ausbleiben immer fehlen werden.

00:38:21: Diesen Verlust!

00:38:22: Dieses Fehlen hat Baby Diego verloren – da kommt nichts mehr.

00:38:27: Das ist das Ende der Serie.

00:38:30: Dass keine Geschwister mehr kommen Ist also genau so ein Drama wie dass keine Kinder mehr kommen Denn damit geht der Zukunftsbezug den es natürlich auf der Horizontalen auch gibt verloren.

00:38:43: Children of Man ist sich der Verschränkung von vertikale und horizontale bewusst.

00:38:49: Sie taucht wie eben dargestellt an den Rändern auf, aber auch mitten in der Haupterziehung.

00:38:54: Die sich darum dreht das natürlich ein Wundergeschied.

00:38:56: und doch eine schwangere Frau auftaucht die dann vom Helden in Sicherheit gebracht werden muss.

00:39:03: Der Anführer einer Geriergruppe jagt die Mutter daher aus dem Kind eine Art Jesus machen will einen Anführern neuen Einführer der die Menschheit auf den richtigen Weg zurückführen soll.

00:39:16: Und wie der Held dann nach der Entbindung die Mutter mit dem Kind aus den Trümmern führt, ist man tatsächlich an die heilige Familie erinnert.

00:39:33: Oh ein Mädchen!

00:39:34: Also doch kein neuer Anführer.

00:39:37: Sein letzter Satz ist allerdings entscheidend.

00:39:44: Im Film taucht also mit dem Ödiperl in Dreieck der Held und die Mutter, das Kind wie die heilige Familie aus den Trümmern steigen.

00:39:52: Auch gleichzeitig die Serie wieder auf!

00:39:55: Die Hoffnung wird in der Vertikalen UND der Horizontal betont.

00:40:00: Das Ende ist nicht das Ende.

00:40:03: So lautet laut Dütmann die frohe Botschaft der Jugend.

00:40:05: Das Ende is'nicht das Ende,

00:40:08: d.h.,

00:40:08: da kommt noch was.

00:40:11: Hier kommt auch noch was nämlich als nächstes Teil zwei der Geschwister-Saga.

00:40:16: Das Thema stellt sich raus einfach zu groß oder mir zu wichtig für eine Episode.

00:40:20: Und ich bin noch gar nicht darauf eingegangen, welche Konsequenzen Mitchels Theorie für die Sexualität hat.

00:40:26: Aber da ich seriell arbeite ist das ja auch überhaupt kein Problem.

00:40:30: Bis zur nächsten Episode also!

00:40:31: Tschüss.

Über diesen Podcast

Gespräche und Monologe über Philosophie, Kunst, feministische Theorie und Psychoanalyse.

Marie von Heyl & Gäste

www.marievonheyl.de

von und mit Marie von Heyl

Abonnieren

Follow us